Prosopagnosie

Kennst du es, dass du eine Person zum fünften Mal triffst und trotzdem Angst hast, dass du sie nicht wiedererkennst? So ergeht es oft Leuten mit Prosopagnosie - zu Deutsch Gesichtsblindheit. Der Begriff ist etwas irreführend, denn es geht nicht darum, dass man Gesichter nicht sehen kann oder Probleme mit den Augen hat. Sondern es geht um die Fähigkeit, sich Gesichter zu merken und wiederzuerkennen - bzw. genau das nicht zu können. Es ist in der Regel eine angeborene Störung, kann in sehr seltenen Fällen aber auch durch einen Unfall verursacht werden.
Die Gesichtsblindheit kann unterschiedliche Schweregrade haben. Am häufigsten wird eine "leichte" Form beschrieben. Seltener kommen sogar Fälle vor, bei dem Betroffene ihre Familie nicht wiedererkennen können. "Wie können sie dann jemals wissen, ob sie ihr Gegenüber kennen?", fragst du dich vielleicht. Es gibt andere Mittel, um jemanden zu erkennen, als das Gesicht. Beispielsweise Haare, Stimme, Kleidung, Gestik, Muttermale, Gangart, etc. Problematisch wird es aber, wenn derjenige das Merkmal ändert, z.B. statt offenen Haaren einen Zopf macht. Schon sieht die Person wie jemand Fremdes aus. Dabei kann diese Erkennung sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen. Beim unbewussten erkennt man die Person einfach wieder, weiß aber nicht warum. Eine bewusste Wiedererkennung kann etwas wie ein Muttermal sein, nach dem man aktiv sucht.
Auch wird eine Person häufig mit einem bestimmten Ort abgespeichert. Also Kollege - Büro. Bäcker - Bäckerei. Mechaniker - Autowerkstatt. Wenn man den Kollegen plötzlich in der Bäckerei trifft, fehlt der Zusammenhang und man braucht seine Zeit, um ihn herzustellen (falls man es überhaupt schafft).
Wenn man angeborene Prosopagnosie hat, weiß man meist gar nichts davon. Man kennt es ja nicht anders. Man denkt vielleicht, dass man ein bisschen schlechter sei im Gesichter merken als andere. Dass es eine derartige Störung gibt, erfahren die meisten nur durch Zufall. Betroffen sind rund 1-3% der Bevölkerung. Da es oftmals mehrere Fälle in einer Familie gibt, scheint es genetisch bedingt zu sein. Übrigens ist es nicht heilbar, aber man kann lernen damit umzugehen.

Wie fühlt sich das an?

Link aus Zelda, der ein Fuchsmaske knapp vors Gesicht hält, die dieses komplett bedecken würde.

Stellt euch vor, jeder hätte so eine Maske auf wie Link
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Stell dir vor, dass plötzlich jeder eine das ganze Gesicht bedeckende Maske aufhätte. Aber nur du selbst würdest diese sehen, andere sehen weiterhin alle Menschen ohne Maske. Gute Freunde und Familie kannst du wahrscheinlich auch so erkennen. Deine beste Freundin zum Beispiel hat hellblau gefärbte Haare und die Statur deines Vaters würdest du niemals vergessen. Aber was ist mit dem Mädchen, was du gestern im Café kennengelernt hast und mit dem du dich heute verabredet hast? Was, wenn sie nicht den roten Mantel trägt, an dem du sie wiedererkennen könntest? Du gehst also zur Bäckerei, wo ihr euch verabredet habt. Du bist extra ein paar Minuten früher da, damit du nicht auf sie zugehen musst. Mit gesenktem Blick stellst du dich in die Nähe des Eingangs und schielst möglichst unauffällig nach oben und begutachtest die Leute um dich herum. Da hinten kommt ein Mädchen mit kurzen Haaren, das könnte sie sein. Als hättest du sie nicht bemerkt, holst du dein Handy raus und tippst darauf herum. Dabei tust du so, als würdest du hin und wieder suchend aufblicken. Sie kommt näher... Näher... Du schaust nun von deinem Handy hoch, um bereit zu sein, falls sie es ist. Doch sie läuft bloß an dir vorbei und biegt eine Straße weiter in ein Geschäft ein. Das war wohl das falsche Mädchen.

Ein weiteres Beispiel. Du bist in einem Künstler Verein bzw. Seminar, der sich wöchentlich trifft. Weil ihr so viele seid, wurdet ihr in Gruppen von ca. 15 Personen aufgeteilt. Ihr seid etwa sechs Gruppen und jede Gruppe hat einen eigenen Leiter. Ihr malt zu Hause Bilder, bringt sie zum Treffen mit, wartet bis ihr dran seid und zeigt sie eurem Gruppenleiter. Der diskutiert dann mit der jeweiligen Person über das Bild. Wer fertig ist, geht wieder nach Hause. Du gehst seit 5 Wochen zu diesem Seminar, aber weil es dir schwerfällt, dir die Gesichter zu merken, bist du sehr schüchtern und traust dich kaum, mit anderen zu reden. Dein bester Freund ist glücklicherweise in der gleichen Gruppe wie du und meistens folgst du ihm einfach zum richtigen Tisch. Heute verspätet er sich allerdings. Mit mulmigem Gefühl öffnest du die Tür und siehst die sechs Tische, an denen die jeweiligen Gruppen sitzen. Du schluckst. Welche ist deine Gruppe? Du schlenderst durch den Raum, als würdest du dir die Arbeiten der anderen anschauen wollen. In Wirklichkeit suchst du nach irgendeiner Person oder einem Merkmal, durch das du weißt, an welchen Tisch du musst. Zwei Gruppen kannst du ausschließen - die Gruppenleiter sind Frauen. Ein weiterer Gruppenleiter ist Asiat, er kann es also auch nicht sein. Bleiben noch drei Gruppen. Du bist dir nicht sicher, aber meinst, dass der eine Gruppenleiter zu jung ist. Deiner war doch älter, oder? Die letzten beiden kannst du allerdings nicht unterscheiden. Beide kleiden sich ähnlich und haben kurze Haare, weil sie etwa gleich alt sind. Du wirst nervös, denn langsam musst du einen Stuhl vom Stapel nehmen und dich an den richtigen Tisch setzen. Wenn du den falschen nimmst, werden sich alle über dich wundern und lachen. Mit sehr langsamen Schritten gehst du zum Stuhlstapel, um Zeit zu schinden. Dann geht abermals die Tür auf - und dein bester Freund betritt den Raum. Gott sei Dank! Er wundert sich, warum du noch nicht am Platz sitzt, also gestehst du ihm, nicht zu wissen, welcher der richtige Gruppenleiter sei. Zwar findet er das eigenartig, fragt aber nicht weiter nach, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich an den Tisch nahe des Eingangs. Aha. Gruppe A war es also.

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geschrieben am 22.06.2020